Wilhelm Schickards 1628 erschienene Schrift „Tarich hoc est Series Regum Persiae“ hat eine Vorgeschichte, die ihren Ausgang im 16. Jahrhundert während der Osmanenfeldzüge in Ungarn nahm, im 18. Jahrhundert unter Gelehrten für einige Verwirrung sorgte und mit einem der außergewöhnlichsten Stücke des Historischen Bestands zusammenhängt: einer arabisch-türkischen Schriftrolle aus der Bibliothek des Ulmer Arztes Johann Franc (HS 6676).
Autor: Pia Eckhart
Dr. Pia Eckhart leitet den Historischen Bestand der Stadtbibliothek Ulm. Zu ihren Forschungsfeldern gehören Buchgeschichte, Wissensgeschichte und vormoderne Geschichtsschreibung. Den Blog "Ulm 1516" betreibt sie seit März 2023.
Ulmer Brodt und Schneggen Supp’
Ob das handschriftliche Kochbuch wirklich von der Ulmer Malerin Anna Magdalena Kindsvatter stammt, lässt sich nicht abschließend klären. In jedem Fall wirft es ein Schlaglicht auf ihr Leben, über das wie bei so vielen Künstlerinnen viel zu wenig bekannt ist. Und außerdem bietet es Einblicke, was man um 1800 in bürgerlichen Ulmer Haushalten gerne zubereite. Zwar gab es zu dieser Zeit bereits einen regen Markt für gedruckte Kochbücher, auf dem Frauen rege mitmischten. Rezepte wurden aber auch weiterhin handschriftlich gesammelt, abgeschrieben und weitergereicht. Was Menschen essen, sagt einiges aus über ihren gesellschaftlichen Status und ihr Konsumverhalten, über Formen der Geselligkeit und den vorherrschenden Geschmack.
Fabelhafte Ulmer Buchkunst
Der Inkunabelforscher Peter Amelung hat einmal die Ulmer Aesop-Ausgabe von 1476/77 „eines der schönsten deutschen Bücher aller Zeiten“ genannt. Heinrich Steinhöwel (1411/12-1479), Ulmer Stadtarzt und Literat, bewies hier seinen Instinkt für nachhaltig angesagten Lesestoff und schuf gemeinsam mit seinem Partner, dem Buchdrucker Johann Zainer (in Ulm aktiv 1472-1493), und einem künstlerischen Team eine mit über 190 originellen Holzschnitten reich illustrierte zweisprachige Sammlung moralisierender Tierfabeln auf 278 Blatt im Folioformat – in der Tat ein eindrucksvolles Zeugnis des frühen Buchdrucks mit beweglichen Lettern in Ulm und in ganz Europa.
100 Jahre Ingeborg Bachmann
Das Magazin „Der Spiegel“ machte die Augustausgabe 1954 mit dem Porträt einer jungen österreichischen Lyrikerin auf, seltsamerweise mit „Gedichte aus dem deutschen Ghetto“ untertitelt. Ingeborg Bachmanns erster Gedichtband „Die gestundete Zeit“ war gerade in Deutschland erschienen, zuvor hatte sie den Preis der renommierten und berüchtigten Gruppe 47 erhalten. Das Buch des Monats Juni der Stadtbibliothek Ulm erinnert zu ihrem 100. Geburtstag an Bachmanns steilen Aufstieg in der literarischen Welt Nachkriegsdeutschlands.
Geh aus mein Herz
Nicht nur Kirchengängern werden einige der beliebtesten Lieder des lutherischen Theologen Paul Gerhardt (1607-1676) bekannt sein, so wie das frühsommerliche „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Johann Sebastian Bach verwendete „Ich steh an deiner Krippe hier“ in seinem Weihnachtsoratorium und „Befiehl du deine Wege“ in der Matthäus-Passion. Bis heute sind seine Lieder im Evangelischen Gesangbuch, aber auch im katholischen Gotteslob und in den Gesangbüchern anderer Konfessionen und Freikirchen vertreten. Das Buch des Monats Mai – die erste, von Johann Georg Ebeling erarbeitete Gerhardt-Gesamtausgabe in der Auflage von 1683 – erinnert an den 350. Todestag dieses einfühlsamen Lieddichters, der auch im Ulmer Kirchenwesen Spuren hinterlassen hat.
Was fromme Frauen lesen
Vergangenes Frühjahr wurden im Tresor der Stadtbibliothek die wertvollsten Bände in maßgeschneiderte, alterungsbeständige Wellpappekassetten verpackt. Bei dieser meditativen Tätigkeit fiel uns das Buch des Monats April wegen seiner Schönheit und eines interessanten handschriftlichen Vermerks ins Auge. Dieser Vermerk gibt seine Geheimnisse nicht ohne Weiteres Preis, führt aber doch ins Augustiner-Chorfrauenstift Inzigkofen (nahe Sigmaringen). Dort hatten die Klosterfrauen seit dem 14. Jahrhundert bis zur Auflösung des Stifts im 19. Jahrhundert eine bemerkenswerte Bibliothek zusammengetragen, die heute über halb Deutschland und Europa verstreut ist. Bei dem schönen Buch handelt sich um erbaulichen Lesestoff für gläubige Christ*innen, den „Seelentrost“, eine mit Holzschnitten und Zierbuchstaben geschmückte Inkunabel des Augsburger Buchdrucker Anton Sorg (um 1430-1493).
Pferde heilen leicht gemacht
Im März zeigt die Stadtbibliothek Ulm ein sogenanntes „Lassrösslein“ oder Aderlasspferd auf einem Einblattdruck aus dem erfolgreichen Nürnberger Verlag des Kunsthändlers Paulus Fürst (1608-1666): Das nach links gewandte, schreitende Pferd mit gebogenem Hals und prächtigem Schweif ist in einen doppelten Kreis eingeschrieben. Vom Körper des Tieres führen strahlenförmig einhundert Linien zu den durchnummerierten Textfeldern im Kreis, die Krankheiten anzeigen wie zum Beispiel „Geschwolne Knie“, „Würm an der Nase“ oder „Für Rehigkeit“. Dieser handliche, einseitig gedruckte Kupferstich bot sich als praktisches Hilfsmittel bei der medizinischen Versorgung erkrankter Pferde an, konkret bei der therapeutischen Blutabnahme, dem Aderlass.
Memoiren einer Kammerfrau
Henriette Campan, geb. Genet (1752-1822), Kammerfrau der französischen Königin Marie Antoinette und später erfolgreiche Pädagogin, war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Ihr Leben führte sie nicht nur ins Zentrum der Ränkespiele des Ancien Régime, sondern brachte sie auch in Berührung mit der Familie Bonaparte und später dem Kaiserhof. Ihre „Mémoires sur la vie privée de Marie Antoinette“ wurden postum veröffentlich.
NS-Raubgut in der Bibliothek?
Die Auffindung und Rückgabe von NS-Raubgut ist eine Aufgabe, vor der alle öffentlichen Kulturinstitutionen in Deutschland immer noch stehen. Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände haben im Dezember 2025 eine Neufassung der Handreichung zum Umgang mit NS-Raubgut herausgegeben. An der Stadtbibliothek Ulm wurde im Sommer 2023 der „Erstcheck NS-Raubgut für Öffentliche Bibliotheken“ durchgeführt, der zunächst ohne Verdachtsfälle blieb. Wie also damit umgehen, wenn im Altbestand Hinweise auf Ankäufe aus den 1930er Jahren auftauchen und das auch noch eine der berühmtesten mittelalterlichen Handschriften der Stadtbibliothek betrifft?
Jahresrückblick 2025
Zwischen den Jahren blickt der Blog “Ulm 1516” auf die Themen, Veranstaltungen und Projekte rund um den Historischen Bestand der Stadtbibliothek Ulm zurück, die uns 2025 beschäftigt haben.